Expeditionen

Expedition?

Es sei mir an dieser Stelle gestattet einigen Gedanken über  den Begriff Expedition nachzuhängen. Was heisst eigentlich Expedition? In Wikipedia ist nachzulesen, dass eine Expedition (lat. expeditio "Erledigung, Feldzug") eine Entdeckungs- oder Forschungsreise ist, die meist in fremde und entlegene Gebiete führt und daher in der Regel mit besonderen Mühen und Strapazen verbunden ist. Somit haben wir viele Möglichkeiten auf dieser Erde Expeditionen durchzuführen. Fremd ist manche Gegend, aber nicht nur für uns, sondern auch für einen Indio des Amazonasbeckens. Für ihn wäre ein Besuch der Fussball EM 2008 in der Schweiz auch eine Expedition. Seine Reise wäre für ihn sicher mit Mühen und Strapazen verbunden, entlegenes Gebiet ist die Schweiz nicht unbedingt, also muss sich der Indio doch ein anderes Ziel aussuchen, es wird trotzdem genügend Besucher an der EM 2008 haben.

Wenn wir Bergsteiger eine Expedition machen wollen, zieht es uns in andere Kontinente. Entlegene Gebiete sind dann meist nicht mehr mit den bequemen 4 Rädern zu erreichen und somit auch mit Mühen und Strapazen verbunden. Neuland zu entdecken wird immer schwerer. Das Neuland schmilzt zusammen und für uns Bergsteiger wird die Liste der noch unbestiegenen Gipfel doch Jahr für Jahr kleiner. Vielen bleibt nur noch übrig gewagte Routen, vielleicht bisher wegen zu hohen objektiven Gefahren gemieden, zu eröffnen. Das sind für sich gesehen keine Expeditionen mehr. Erschliessen diese Routen aber Berge mit einer vierstelligen Höhe und einer 7 oder 8 an erster Stelle, zweifelt niemand mehr daran, dass es sich um eine Expedition handelt. Liegt es nun eher an der Höhe oder an der Routenwahl, ob es sich um eine Expedition handelt?

Wenn die Höhe entscheidend ist, ab welcher Höhe handelt es sich denn um eine Expedition? Braucht es mindestens  sechstausend, siebentausend oder gar achttausend Meter um als Expedition zu qualifizieren? Lässt man
Mühen und Strapazen erleiden bei den heutigen Expeditionen vor allem die Träger. Ein wackliger Übergang über Eiswasser ist für einen Nichtschwimmer mit 35kg Gepäck auf dem Rücken eine echte Mutprobe

Mühen und Strapazen erleiden bei den heutigen Expeditionen vor allem die Träger. Ein wackliger Übergang über Eiswasser ist für einen Nichtschwimmer mit 35kg Gepäck auf dem Rücken eine echte Mutprobe

Sechstausender aus, so kann eine Bergsteigerexpedition nur noch im Himalaya stattfinden, Südamerika und alle anderen Orte mit hohen Bergen bleiben dann aussen vor. Was wird  dann dort gemacht? Keine Expeditionen, sondern „nur“ Bergsteigerreisen? Ist ein Achttausender immer eine Expedition? Manche Geschichten am Everest erinnern eher an ein Trauerspiel als an eine Expedition. Zum Nord-Basislager geht es nicht, sondern es fliegt und fährt sich bequem mit SUV’s bis auf 5200m. Von dort mit Yaks bis zum ABC auf 6400m ohne bisher etwas selber getragen zu haben (dies erledigt der persönliche Sherpa, inklusive Schälen des Pausenapfels!) Auf siebentausend Metern wartet der zweite und dritte persönliche Sherpa im aufgestellten Zelt mit heissem Tee und bereiter Sauerstoffmaske, die von nun an nur noch kurzzeitig weggelassen wird. Beim Gipfelaufstieg haben die Sherpas besondere Mühen und Strapazen, der „Expeditionsteilnehmer“ aber nuckelt an seinem Sauerstoff, die Sauerstoffflaschen und alles übrige wird von den Sherpas getragen. Geht es mal nicht so gut weiter, spurt der Sherpa, er ist sich auch nicht zu schlecht dazu ein bisschen zu schieben, zu stossen oder zu ziehen. Zurück zu Hause kann man dann stolz von seiner „gefährlichen Everestexpedition“ berichten.

Ist es nur dann eine Expedition, wenn man alleine alles hinaufträgt, selber alle Fixseile montiert und schlussendlich alleine den Weg zum Gipfel spurt? Falls dies so sein sollte, ist es an Achttausendern praktisch unmöglich noch eine Expedition durchzuführen. Fast alle Achttausender sind jährlich so stark belagert, dass immer mehrere Teams gleichzeitig am Berg arbeiten. Schwierigkeiten bestehen mehr darin auszuhandeln, wer das Material stellt, wer die Fixseile montiert, wer nichts macht und bezahlen muss und die grösste Schwierigkeit scheint darin zu bestehen dieses Geld von den „Nichtstuern“ auch einzutreiben.
Die Mühen und Strapazen werden bei den Bergsteigerexpeditionen von Jahr zu Jahr kleiner. Die Ausrüstung wird immer besser, die Küche beginnt zu begreifen, was der Westler essen will, Anfahrtswege werden kürzer, Campeinrichtungen werden komfortabler, Helikopterrettungen sind jetzt in Pakistan bis 6000 m möglich. Können wir von uns überhaupt noch behaupten auf Expedition zu gehen? Waren nur frühere Reisen  Expeditionen? Damals musste man mit dem Schiff nach Indien fahren, per Bahn weiter und 3 bis 4 Wochen marschieren nur bis zum Ausgangspunkt Skardu, der heute bequem per Flieger erreicht werden kann.

Träger im House Kamin am K2 auf 6500 m. Qual der Wahl des Fixseiles

Träger im House Kamin am K2 auf 6500 m. Qual der Wahl des Fixseiles

Ich überlasse es dem Leser seine eigene Definition der Expedition zu finden. Ich werde ihn aber auch nicht im Regen stehen lassen möchte meine eigene Ansicht einer Expedition schildern.

Für mich beginnt eine Expedition ab 7000 Metern. Berge die diese Höhe nicht erreichen, können nach kurzer Akklimatisationszeit bestiegen werden  (die durchschnittliche Dauer einer Kilimandscharo-besteigung ist etwa 7 Tage!). Ab 7000 Metern entscheidet bei jedem die persönliche Höhentauglichkeit, ob er den Gipfel erreicht oder nicht. Ich habe viele Bergsteiger kennengelernt, die einige Sechstausender bestiegen haben, aber bei Siebentausend Metern war jeweils Schluss. Zu einer Expedition gehört ein Anmarsch. Nur eine Fahrt bis ins Basislager kann auch der gewöhnliche Bergtourist machen ohne ein Expeditionisti zu sein. Ist die Betreuung am Berg so ausgebaut, dass die ganze Arbeit von den Sherpas gemacht wird, so ist auch eher ein Bergtourist denn ein Expeditionisti unterwegs. Zu einer Expedition gehört für mich auch der Gebrauch vom Jümar und von Fixseilen. Ansonsten schon bald vom Alpinstil geredet werden kann.