Satellite Symposium Milano
EXPOSURE TO
HIGH ALTITUDE HYPOXIACARDIOVASCULAR EFFECTS
AND MORE
SATELLITE SYMPOSIUM
11. Juni 2009 in Mailand
Das Istituto Auxologico Italiano hat unter der Schirmherrschaft der italienischen Gebirgsmedizin-gesellschaft, der medizinischen Kommission des italienischen Alpenclub und der internationalen Gebirgsmedizingesellschaft zum Satellitensymposium über Herzkreislaufeffekte und mehr nach Mailand eingeladen. Die Teilnahme war gratis und die Tagungssprache war bemerkenswerterweise Englisch. Es haben sich alle daran gehalten, sogar die Diskussion wurde auf Englisch gehalten und wir konnten den englischen Vorträgen gut folgen, wenn auch einzelne Referent(innen) im englischen eher ungeübt waren und Miriam Revera nach ihrem Vortrag auf die Frage wie es ihr gehe gesagt hat „sto da morire“.
Die Zeit für die einzelnen Redner war mit 20 Minuten kurz, was den einen oder anderen zwang etwas schnell vorwärts zu schreiten. Die Atmosphäre im Saal war konzentriert, die Sitze äusserst bequem, am ehesten mit einer Kinobestuhlung zu vergleichen, so dass doch einmal ein Vortrag kurz von Schnarchen begleitet wurde.

Leider haben wir uns durch den morgendlichen Stau auf den Mäiländer Strassen etwas verspätet und den ersten Vortrag von Paolo Cerretelli über Muskel, Gene und Eiweisse bei Anstrengung in der Höhe verpasst, weshalb wir zuerst von Annalisa Cogo etwas über die Adaptation der Atmung an die Höhe gehört haben. Interessant waren die Daten ihrer 24-stündigen SaO2-Messungen während der später noch genauer beschriebenen Expedition. Die Mittelwerte der SaO2-Messungen waren generell tiefer als die spontan durchgeführten zusätzlichen Einzelmessungen. Die nächtlichen Werte tiefer als die tagsüber gemessenen. Daneben zeigte sie auf, dass in der Höhe eine schnellere und auch verstärkte maximale Atmung möglich ist, wahrscheinlich aufgrund der Dichteabnahme der Atmosphäre. Kurz streifte sie auch die Frage nach einem Prälungenödem oder interstitiellem Lungenödem, welches zur Zeit intensiv erforscht wird, ist es hypoxisch oder durch die Anstrengung bedingt verursacht? Weiter interessant waren die Ergebnisse einer gestörten Atemkoordination zwischen Thorax und Abdomen in der Höhe mit signifikanten SO2-Abfällen. Auch eine zunehmende Schwäche der Atemmuskulatur scheint das Lungenödem zu begünstigen.
Der nächste Vortrag von Erik Swenson musste ausfallen wegen Unfall des Referenten. Zeitlich passte dies sehr gut, da Cogo überzogen hatte. Guiseppe Miserocchi ging näher auf das interstitielle Höhenlungenödem ein und erläuterte den molekularbiologischen Mechanismus seines Entstehens. Nach einer Latenz von 3 bis 6 Stunden Aufenthalt in der Höhe werden interstitielle Proteine fragmentiert, was die Gewebselastizität herabsetzt. Durch den erhöhten pulmonalen Gefässdruck werden die Gefässe rein mechanisch erweitert und beginnen undicht zu werden mit folgendem Ausfluss von Flüssigkeit ins Interstitium. Dies alles beruht allerdings auf einem Rattenmodel.
Nach einer kurzen Pause verglich Marco Maggiorini die systemische mit der pulmonalen Hämodynamik in der Höhe. Mit zunehmender Höhe steigt der cardiac output, die Resistance im systemischen Kreislauf sinkt, wohingegen sie im pulmonalen Kreislauf ansteigt durch Kontraktion arteriell und venös. Dies führt zu einer Erhöhung des mittleren Pulmonalarteriendruckes bei Gesunden bis 30 mmHg, bei HAPE-empfindlichen Personen darüber. Schon noch wenigen Wochen in der Höhe führt dies zum Remodelling der Pulmonarterien, d.h. sie werden verdickt. Interessant war auch seine Bemerkung, dass Probanden mit lediglich AMS auf der Capanna Margherita mit Steigerung der Intensität der AMS eine Erhöhung der Körpertemperatur bis 37,5° aufwiesen.
Anschliessend erläuterte George Cremona die Rolle von NO für die endotheliale Funktion auf grosser Höhe. Das NO entwickelt viele Wirkungen an den Gefässen, so ist es für das Remodelling verantwortlich und erhöht den pulmonalen präkapillären Widerstand. Es gibt in 41% einen Genpolymorphismus der NO-Synthetase, das seiner Ansicht nach teilweise die HAPE-Susceptibilität vielleicht erklären könnte. Luciano Bernardi ging auf die neurovegetative cardiovasculäre Modulation in der Höhe ein. Bei Höhenaufenthalt steigt der Sympthikotonus, was zu einem leichten Anstieg des systolischen und diastolischen Blutdruckes führt. Dies ist bei Tiefländern stärker ausgeprägt als bei Hochländern. Patienten mit chronischer Bergkrankheit zeigen Anzeichen einer autonomen Dysfunktion. Weiterhin ist er der Meinung, dass durch den erhöhten Sympathikotonus eine höhere Gefahr für Höhenkrankheit besteht, weswegen der Sympathikus gebremst werden sollte , z.b. durch Hypoventilation. Interessant ist die Tatsache, dass er die Teilnehmer der K2-Everest-Expedition 2004 welche den Gipfel mit Sauerstoff erreicht haben bei seiner Forschung in die Gruppe der „Unsuccessful“ eingeteilt hat.
Peter Bärtsch berichtete über die schwerwiegenden Komplikationen, HAPE und HACE. Nach 8 bis 12 Stunden Aufenthalt schlage die AMS auf der Capanna Margherita zu. Die Prävalenz des HACE ist unter 4000 m selten, bis 4500 m 0.5 – 1.0 %. Er zeigte von veröffentlichte Studien Schädel-MRI’s, welche im akuten Stadium Schwellungen im Bereich des Corpus callosum aufwiesen und in späteren Stadien Eisendepositionen an diesen Stellen aufzeigten. Dies spricht für Mikroblutungen. Der Blutfluss nimmt beim HACE zu und die Gefäss-Autoregulation ab. Aufgrund erhöhter Permeabilität entsteht ein vasogenes Oedem und die Blut-Hirnschranke wird undicht. Das HAPE kann bei schnellem Aufstieg schon auf Höhen von 3000 – 4000 m auftreten. Oft folgt es der AMS nach 2 bis 3 Tagen, die Erhöhung des PAP über 30 mmHg erfolgt aber unmittelbar. In seinen Studien war Nifedipin und Tadalafil in etwa gleich wirksam.
Vor dem übrigens in mediterraner Küche ausgeführten, köstlichen und gratis abgegebenen Lunch erzählte Giorgio Mazzuero vom Herzpatienten in der Höhe. Er berief sich auf die Empfehlungen der IKAR und der UIAA. Unabhängig davon erwähnte er die Empfehlung für Herzpatienten unakklimatisiert am Tag nicht über 3000 m zu gehen und nachts nicht über 2000 m zu schlafen. Wobei er bemerken musste, dass mit dieser Empfehlung wahrscheinlich die Ärzte mehr Mühe haben als die Patienten.
Am Nachmittag stellte uns Gianfranco Parati das HIGHCARE2008 Projekt vor (High Altitude Cardiovascular Research Himalayan Expedition 2008). Bei diesem Projekt handelt es sich um eine multidisziplinäre Forschungsstudie der Italiener, die im Jahre 2008 47 Probanden auf Meereshöhe, und auf dem Trekking zum Basislager des Mount Everest in Namche Bazar, im Base Camp während 14 Tagen und teilweise auch in Höhenlagern untersuchte. Eine Studie befasste sich mit der Auswirkung von AT-II-Rezeptoren-Antagonisten und von Endothelin I- Blocker. Auch bei ihren Forschungen haben sie noch nicht alle Daten ausgewertet und viele Ergebnisse sind noch vorläufig und nicht veröffentlicht.
Zuerst stellte Grzegorz Bilo seine Erfahrungen mit 3 verschiedenen Arten der Blutdruckmessung vor. Einesteils benützten sie als Referenz die auskultatorische Messung mit dem Quecksilbermano¬meter, andererseits auskultatorisch mit Manschette oder automatisch oszillometrisch. Dabei zeigte sich eine Tendenz zu 1-2 mmHg tieferen Werte mit der Manschette. Interessant waren bei gleichzeitig gemessenen Werten Differenzen von bis zu 15 mmHg. Der Wert dieser Studie wird leider durch die Tatsache in Frage gestellt, dass Quecksilbermanometer gesetzlich nicht mehr zugelassen sind. Miriam Revera untersuchte die Pulswelle mittels Doppler am Aortenbogen, den Carotiden, abdominal und illiacal. Dabei fand sie eine Erhöhung der Pulswellengeschwindigkeit mit steigender Höhe. Carolina Lombardi konnte die verschiedenen Atemmuster in der Höhe gut aufzeigen. Interessant war die Prävalenz der Cheyne-Stock‘schen Atmung in Namche auf 3400 m. Sie war stark geschlechtsabhängig, viel stärker bei Männern ausgeprägt, wie auch die nächtlichen Apnoen. Auf der Höhe des Basislagers fand aber eine Angleichung statt. Leider konnte sie keine Daten von grösseren Höhen liefern. Trotz „schlechterem“ Atemmuster der Männer fand sie aber eine gleich tiefe nächtliche SaO2 bei beiden Geschlechtern!
In der letzten Session präsentierte uns Pietro Modesti vorläufige Ergebnisse über das Studium der Blutgerinnung in der Höhe. Zuerst zeigte er einige Studien, die gegensätzliche Resultate aufzeigten, so haben Arbeiten in simulierter Höhe von 2400 – 3600 m nach einigen Stunden keine Änderung der Blutgerinnungszeit nachweisen können, aber die Feldstudien in diesen Höhen schon.
Antithrombin II und Thrombin sind am imflammatorischen Prozess in der Höhe mitbeteiligt. Durch 2 verschiedene Arten der Gerinnungsmessung konnte er nachweisen, dass die Verkürzung der Gerinnungszeit in der Höhe durch die am imflammatorischen Prozess beteiligten Gerinnungseiweisse verursacht wurde. Eine Normalisierung der Gerinnungszeit fand sich nach einer Woche auf der Höhe des Basiscamps. Anschliessend folgte wieder ein Exkurs in die molekularbiologischen Veränderungen aufgrund der Akklimatisation an die Höhe. Alberto Piperno zeigte am Beispiel von EPO auf, was beim Aufstieg in grosse Höhe passiert. Die EPO-Produktion wird schon nach 90 Minuten Hypoxie gesteigert und erreicht einen Peak nach 2 Tagen. Die Produktion steigt mit der Höhe nichtlinear an. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Verfügbarkeit von Eisen. Dabei spielt das hepatische Protein Hepcidin eine entscheidende Rolle. Die Akklimatisation hält für den Menschen sehr viele molekularbiologische Änderungen bereit. Ich frage mich ob es einen Experten gibt, der alle zur Zeit diskutierten kennt und versteht?
Ein etwas schwierigeres Thema wurde von Barbara Poletti behandelt. Sie befasste sich mit den höhenbedingten Änderungen der neuropsychologischen und psychologischen Leistungsfähigkeit. Dabei konnte sie bei den Testresultaten eine bessere Leistungsfähigkeit der Frauen aufzeigen. Dies wurde im meist männlichen Publikum nicht auf Anhieb goutiert. Das Kollektiv der Frauen war im Schnitt 6 Jahre jünger, leicht erkrankte hätten das Resultat verfälschen können, das Interesse der Männer sei wahrscheinlich beim Test nicht sehr gross gewesen und andere Ursachen wurden als Grund für das bessere Abschneiden der Frauen vermutet, nicht zuletzt der Bias, weil die Tests von einer Frau durchgeführt und ausgewertet wurde. Liebe Männer die Signifikanz war da aber sie war klein!
Zuletzt wurde die Lösung eines technischen Problems von Marco Di Rienzo illustriert. Zur Überwachung und dem Recording von EKG, Respiration, Bewegung und SaO2 wurde eine Life-Vest mit Namen Magic entwickelt, zuerst mit Reissverschluss und aus Wolle. Sie war aber nicht angenehm zu tragen, so wurde der Brustgurt mit den Sensoren und dem Recorder in ein Polypropylen-Shirt eingearbeitet. Probleme ergaben sich bei 3 Probanden, weil die Grösse unpassend war, ansonsten wurde das Shirt als angenehm empfunden. Die Signalqualität war in 96,6% gut.
Nicht zu 96.6% sondern zu 100% kann das Symposium als gut bezeichnet werden. Imponierend war, dass alles in Englisch ablief, wahrscheinlich waren nur wir beide des italienischen nicht mächtig und haben davon profitiert. In den abschliessenden Bemerkungen bedankte sich Gianfranco Parati bei den Organisatoren des Symposiums und den sicher über 70 Sponsoren der Forschungsexpedition.
Walo Pfeifhofer, Stefanie Meusel und Marco Maggiorini
